Skript 5 · Welcher Weg?
Mach-Zehnder und Welcher Weg
Strahlteiler, Phasenverschiebung, Weginformation, Komplementarität, Delayed Choice
Das können Sie nach diesem Skript
– den Aufbau des Mach-Zehnder-Interferometers beschreiben
– die Ausgangsintensitäten aus Phasenverschiebung berechnen
– Welcher-Weg-Information als Ursache des Interferenzverlusts erklären
– das Delayed-Choice-Experiment ohne Fehldeutung darstellen
– Komplementarität und Nichtlokalität am MZI deuten
Grundlage: Kerncurriculum Physik (Niedersachsen 2022), Unterrichtsmaterialien www.physik.gym-wst.de, Aufgabenpool der Länder (IQB)
Inhalt
1 Aufbau
Im idealen MZI sind beide Arme gleich lang; jede zusätzliche Phasenverschiebung im oberen Arm wirkt sich deshalb eins zu eins auf den Gangunterschied am zweiten Strahlteiler aus.
| Bauteil | Funktion |
| Laser | kohärente Quelle, feste Phase |
| Strahlteiler 1 | teilt die Amplitude je zur Hälfte: |
| Spiegel | Richtungsänderung, Phasensprung |
| Strahlteiler 2 | überlagert die beiden Teilwellen |
| Detektoren D1, D2 | zählen Photonen |
Experiment
Aufbau. Ein Laserstrahl trifft auf Strahlteiler ST1. Der eine Teilstrahl läuft senkrecht nach oben über Spiegel M1, der andere waagerecht nach rechts über Spiegel M2; an ST2 werden beide wieder überlagert. Hinter ST2 stehen die Detektoren D1 (geradeaus) und D2 (senkrecht). Ein Phasenplättchen im oberen Arm verändert .
Durchführung. Zähle die Photonen an D1 und D2 für verschiedene Phasenverschiebungen.
Beobachtung. D1 und D2 sind komplementär: Bei ist D1 dunkel und D2 hell, bei umgekehrt.
Auswertung. , ; die Summe ist 1.
Fehler und Sicherheit. Spiegelverschiebung und Kontrast bestimmen die Unsicherheit; die Justage der Strahlteiler wirkt systematisch. Laser nicht ins Auge und die optische Bank gegen Stöße sichern.
2 Rechnung mit Amplituden
Jeder Strahlteiler halbiert die Amplitude (). Bei Reflexion am Strahlteiler springt die Phase um , an den Spiegeln um – so modelliert es auch das Schulmaterial. Für die beiden Wege zu D1 bleibt damit eine Differenz von , zu D2 von . Die Amplituden am Ausgang sind
Die beiden Summanden in der Klammer sind die Amplituden der beiden Wege; ihre relative Phase ist . Für den Betrag gilt
und entsprechend . Damit folgen die Zählraten
und : Jedes Photon wird an genau einem der beiden Detektoren registriert.
Merksatz
Konvention: D1 ist der Ausgang, der bei dunkel ist, D2 der helle; bei ist es umgekehrt. Die beiden Ausgänge sind komplementär: . Schon eine kleine Phasenänderung (Gas, Glasplatte, Spiegelverschiebung) ist messbar – daher die hohe Empfindlichkeit.
Im Zeigerbild addieren sich die beiden Amplituden vektoriell; bei zeigen sie in entgegengesetzte Richtungen und löschen sich aus – das ist D1.
3 Welcher-Weg im MZI
| Eingriff | Weg bekannt? | Beobachtung |
| nichts | nein | Interferenz, Zählraten hängen von ab |
| Markierung in Weg 1 (Polarisator) | ja | keine Interferenz, je 50 % pro Detektor |
| ein Weg blockiert | ja | nur der andere Weg trägt bei, kein Muster |
Wird die Weginformation im Prinzip verfügbar, verschwinden die Interferenzstreifen. Das Quant wird dabei nicht „gestört“; entscheidend ist, ob die beiden Möglichkeiten unterscheidbar sind.
4 Delayed Choice
Aufbau nach Wheeler: Die Entscheidung, ob ein Welcher-Weg-Detektor eingeschaltet wird, fällt erst, wenn das Quant den ersten Strahlteiler längst passiert hat – die Laufzeit ist so lang, dass „später“ physikalisch später ist.
Nichtlokalität. Die beiden Möglichkeiten gehören zu einem einzigen Quantenzustand. Die Weginformation ist nicht einem lokalen Bahnstück zuzuordnen; erst die gesamte Anordnung entscheidet, ob Interferenz oder Welcher-Weg sichtbar wird. Das ist keine Signalübertragung schneller als Licht und keine Änderung der Vergangenheit, sondern die quantenmechanische Beschreibung des ganzen Experiments.
Die Anordnung ist zugleich eine Anwendung der Quantenphysik: Sie zeigt, dass Welcher-Weg- Information und Interferenz komplementär sind, und sie wird in verschränkten Systemen als Quantenradierer genutzt – wird die Markierung gelöscht, erscheint die Interferenz wieder.
Achtung – typische Fehlerquelle
Dabei wird die Vergangenheit nicht geändert. Beobachtet wird:
- Detektor aus: Interferenz.
- Detektor an: Welcher-Weg, keine Interferenz.
- Auswertung nachträglich getrennt: Beide Teilensembles zeigen für sich kein Muster; erst die gemeinsame Auswertung (Koinzidenz mit dem Markierungsdetektor) zeigt Interferenz.
Falsch ist die Formulierung „das Photon entscheidet sich nachträglich, ob es Welle oder Teilchen war“. Richtig ist: Das Quant hat keinen der beiden Zustände vor der Messung; das Experiment legt fest, welche Eigenschaft sichtbar wird.
5 Aufgaben
Aufgabe 1 AFB II10 P.
In einem MZI wird das Phasenplättchen so gedreht, dass entsteht.
- Berechnen Sie die relativen Zählraten in D1 und D2.
- Erklären Sie, warum eine Verschiebung eines Spiegels um das Signal umkehrt.
Lösung
(1) , . Also 25 % in D1, 75 % in D2.
(2) Hin- und Rückweg ergibt Wegdifferenz, also : Aus wird – das Signal wechselt vollständig zum anderen Detektor.
Aufgabe 2 AFB II10 P.
In Weg 1 des MZI steht ein Polarisator, in Weg 2 nicht.
- Erklären Sie, warum das Interferenzmuster verschwindet.
- Begründen Sie, ob der Polarisator das Photon absorbiert.
Lösung
(1) Die Polarisation markiert den Weg. Die beiden Möglichkeiten sind damit im Prinzip unterscheidbar; die Amplituden addieren sich nicht mehr zu einem streifenförmigen Muster.
(2) Nein. Der Polarisator lässt einen Teil der Amplitude durch; die Interferenz verschwindet allein deshalb, weil die Weginformation verfügbar ist.
Aufgabe 3 AFB III12 P.
In populären Darstellungen heißt es, das Photon „entscheide sich nachträglich“, ob es Welle oder Teilchen sei. Bewerten Sie diese Formulierung mithilfe des Delayed-Choice-Aufbaus.
Lösung
Die Formulierung ist irreführend. Das Photon hat vor der Messung keinen festen Zustand „Welle“ oder „Teilchen“; der Zustand beschreibt beide Möglichkeiten. Erst die gesamte Anordnung – einschließlich der späteren Wahl des Detektors – legt fest, welche Eigenschaft sichtbar wird. Es gibt keine Signalübertragung in die Vergangenheit und keine nachträgliche Änderung eines schon abgelaufenen Ereignisses.
6 Typische Fehler
| Fehler | Richtig |
| „Das Photon entscheidet sich nachträglich“ | der Zustand ist vor der Messung nicht festgelegt; das Experiment wählt die sichtbare Eigenschaft |
| Intensitäten statt Amplituden addieren | erst Amplituden, dann Betragsquadrat |
| Phasensprung an Spiegeln vergessen | Vorzeichen prüfen – sonst vertauschte Ausgänge |
| Delayed Choice als Zeitreise | keine Änderung der Vergangenheit, nur Auswahl der Messung |
7 Wiederholung
| Kern | Aussage |
| Strahlteiler | halbe Amplitude, Faktor |
| Ausgänge | , |
| Welcher-Weg | unterscheidbar keine Interferenz |
| Delayed Choice | späte Messwahl ändert die sichtbare Eigenschaft, nicht die Vergangenheit |
Verstehen, nicht auswendig: warum gilt und warum „später entscheiden“ keine Kausalitätsverletzung ist.
Prüfungsrelevanz
Das musst du können:
- erklären, wie Strahlteiler und Spiegel die Phase ändern und warum D1 bei dunkel ist;
- berechnen: Detektorwahrscheinlichkeiten aus Phasendifferenz und Amplituden;
- begründen, warum Delayed Choice die Vergangenheit nicht ändert;
- skizzieren: Zeigerdiagramm für beide Wege und beide Detektoren.
Quellen (Abruf 2026-11-02).
- Mach-Zehnder: https://www.physik.gym-wst.de/docs/d13/13quantenobjekte/06machzehnderinterferometer/docs.md
- MZI-Labor: https://www.physik.gym-wst.de/docs/d13/13quantenobjekte/07mzilabor/docs.md
- Welcher Weg: https://www.physik.gym-wst.de/docs/d13/13quantenobjekte/08welcherweg/docs.md
- Delayed Choice: https://www.physik.gym-wst.de/docs/d13/13quantenobjekte/10delayedchoice/docs.md
- Kerncurriculum Physik Niedersachsen 2022: https://cuvo.nibis.de/
- Abbildungen: Unterrichtsmaterialien der Schulwebsite (
05_Grafiken/schule/).