Skript 4 · Einzelne Quanten
Doppelspalt und Quantenphysik
Einzelphotonen, Einzelelektronen, Superposition, Welcher-Weg, Komplementarität, Unbestimmtheit, Wellenfunktion
Das können Sie nach diesem Skript
– den Aufbau des Quanten-Doppelspalts beschreiben
– das Auftreten einzelner Treffer und das entstehende Muster deuten
– Superposition und Wahrscheinlichkeitsinterpretation erklären
– Welcher-Weg-Information als Ursache des Interferenzverlusts begründen
Grundlage: Kerncurriculum Physik (Niedersachsen 2022), Unterrichtsmaterialien www.physik.gym-wst.de, Aufgabenpool der Länder (IQB)
Inhalt
1 Klassisch: zwei Wellen
Beim Doppelspalt überlagern sich die Feldstärken beider Spalte. Die Intensität ist , also
Die Minima liegen bei . Das ist Wellenoptik, kein Quantenproblem.
Vom Zentralmaximum nach außen wechseln sich helle und dunkle Streifen ab; die Nullstellen liegen bei . Die Lage der Maxima hängt nur vom Verhältnis ab.
2 Quanten: ein Quant nach dem anderen
Experiment
Aufbau. Lichtquelle so stark gedämpft, dass im Mittel nur ein Photon gleichzeitig unterwegs ist; Detektor (CCD/Photomultiplier) registriert einzelne Treffer.
Durchführung. Treffer über längere Zeit aufsummieren, anschließend Elektronen dasselbe.
Beobachtung.
- Jeder Treffer ist ein Punkt – ganzzahlig, nicht verschmiert.
- Nach wenigen Treffern: kein Muster erkennbar.
- Nach Tausenden Treffern: das bekannte Streifenmuster.
Erklärung. Jedes Quant hat eine Wahrscheinlichkeitsverteilung; die Verteilung ist das Muster, der einzelne Treffer ist unvorhersagbar.
Bedeutung. Interferenz ist keine Folge vieler Quanten untereinander, sondern Eigenschaft des einzelnen Quants.
Fehler und Sicherheit. Dunkelzählrate und Zählstatistik begrenzen die Aussage; die Detektor-Effizienz wirkt systematisch. Laserleistung niedrig halten und den Strahlengang abschirmen.
Achtung – typische Fehlerquelle
Das Muster entsteht nicht, weil sich Photonen gegenseitig stören. Es entsteht auch mit einzelnen Quanten. Wer „Interferenz = Wechselwirkung zwischen Wellen“ sagt, verfehlt den Punkt.
Definition
Koinzidenzmethode: Zwei Detektoren werden gleichzeitig ausgelesen. Signale im selben kurzen Zeitfenster heißen Koinzidenz. Bei einem einzelnen Photon an einem Strahlteiler registriert immer nur einer der beiden Detektoren ein Ereignis, nie beide zugleich. Diese Antikoinzidenz weist einzelne Photonen nach.
3 Superposition und Wahrscheinlichkeit
Der Zustand „durch Spalt 1 oder Spalt 2“ wird als Summe der beiden Möglichkeiten beschrieben:
Am Ort haben die beiden Teilwellen eine Phasendifferenz . Man kann deshalb schreiben. Die Wahrscheinlichkeitsdichte ist das Betragsquadrat:
Der Mischterm steckt in dieser Rechnung; er ist für die Streifen verantwortlich. Bei ist maximal, bei null.
Merksatz
Amplituden addieren sich, Wahrscheinlichkeiten nicht. Der Mischterm erzeugt die Streifen – er verschwindet, sobald man weiß, welcher Weg genommen wurde.
4 Welcher-Weg-Information
Wird an den Spalten gemessen, durch welchen Spalt das Quant ging, verschwindet das Muster:
| Messung | Zustand | Muster |
| keine Weginformation | Streifen | |
| Weg bekannt (Detektor, Polarisator) | entweder oder | keine Streifen |
Definition
Komplementarität: Wellen- und Teilchenverhalten schließen sich nicht aus, aber sie sind nicht gleichzeitig vollständig beobachtbar. Je mehr Weginformation, desto weniger Interferenzkontrast – quantitativ .
Dabei ist die Visibilität (Kontrast) und die Unterscheidbarkeit: bedeutet, die Wege sind nicht unterscheidbar; bedeutet, der Weg ist eindeutig bekannt. Die Ungleichung sagt, dass beide Eigenschaften nicht gleichzeitig vollständig ausgeprägt sein können.
5 Unbestimmtheit
Ort und Impuls sind keine gleichzeitig scharfen Größen:
Das Schulmaterial verwendet für Abschätzungen die gröbere Schulnotation
Die exakte Form ist ; die Schulnotation lässt den Faktor weg.
Die Spaltbreite entspricht der Ortsunschärfe . Je schmaler der Spalt, desto breiter wird die Beugungsfigur und damit die Impulsunschärfe ; bei einem breiten Spalt ist es umgekehrt.
Das Bild zeigt Real- und Imaginärteil der Wellenfunktion. Erst das Betragsquadrat gibt an, wo das Teilchen mit welcher Wahrscheinlichkeit gefunden wird.
Achtung – typische Fehlerquelle
ist die Streuung der Messwerte bei vielen gleichen Präparationen, nicht der Fehler eines einzelnen Experiments. „Das Elektron ist unbestimmt“ heißt: Es hat keinen scharfen Ort – nicht: „wir wissen ihn nur nicht“.
6 Aufgaben
Aufgabe 1 AFB II10 P.
Ein Doppelspalt ( µm) wird mit einzelnen Photonen ( nm) beleuchtet, Schirmabstand m.
- Berechnen Sie den Streifenabstand.
- Nach 100 Treffern ist kein Muster zu sehen. Erklären Sie.
Lösung
(1) mm.
(2) Die Treffer sind statistisch verteilt; um 0,63 mm Struktur von der Zufallsstreuung zu unterscheiden, braucht man viele Treffer. Bei 100 Treffern verteilen sich im Mittel etwa 5 auf ein Maximum – zu wenig für ein erkennbares Bild.
Aufgabe 2 AFB II12 P.
An den beiden Spalten wird mit Polarisatoren markiert, welchen Weg ein Quant genommen hat.
- Beschreiben Sie die Beobachtung auf dem Schirm.
- Erklären Sie sie mit dem Superpositionsprinzip.
- Beurteilen Sie die Aussage: „Die Messung stört das Quant.“
Lösung
(1) Die Streifen verschwinden; es bleibt eine breite Verteilung ohne Modulation.
(2) Mit Polarisationsmarkierung sind die beiden Möglichkeiten unterscheidbar, also geht in ein Gemisch über; der Mischterm und damit die Streifen fallen weg.
(3) Die Formulierung ist zu grob. Die Messung muss das Quant nicht „anstoßen“; es genügt, dass die Weginformation im Prinzip verfügbar ist.
Aufgabe 3 AFB III12 P.
Diskutieren Sie die Aussage: „Der Welcher-Weg-Detektor zerstört das Interferenzmuster.“ Beziehen Sie die Komplementarität und ein.
Lösung
Der Detektor zerstört das Muster nicht mechanisch; er macht die Weginformation verfügbar. Dadurch werden die beiden Möglichkeiten unterscheidbar (), und der Mischterm verschwindet. Die Komplementarität beschreibt den Zusammenhang: Je größer die Unterscheidbarkeit, desto kleiner die Visibilität. Ohne Weginformation bleibt und ; mit vollständiger Information wird .
7 Typische Fehler
| Fehler | Richtig |
| „Photonen stören sich gegenseitig“ | Interferenz tritt auch bei einzelnen Quanten auf |
| Wahrscheinlichkeiten addieren | Amplituden addieren, dann Betragsquadrat |
| Unbestimmtheit als Messfehler | Streuung des Zustands, nicht Gerätefehler |
| Wegmessung „zerstört“ das Quant | Weginformation macht die Möglichkeiten unterscheidbar |
8 Wiederholung
| Kern | Aussage |
| Einzeltreffer | punktuell, unvorhersagbar |
| Muster | Wahrscheinlichkeitsverteilung vieler Quanten |
| Superposition | , Amplituden addieren |
| Messbar | |
| Welcher-Weg | Information vorhanden keine Streifen |
| Komplementarität | |
| Unbestimmtheit |
Verstehen, nicht auswendig: warum einzelne Treffer und ein Muster zusammenpassen; warum Weginformation die Streifen löscht, ohne das Quant zu „treffen“.
Prüfungsrelevanz
Das musst du können:
- erklären, was Komplementarität bedeutet und warum Welcher-Weg-Information die Interferenz zerstört;
- begründen, warum ein einzelnes Quant trotzdem ein Interferenzmuster aufbaut;
- berechnen: Wahrscheinlichkeiten aus Amplituden und die Unbestimmtheit ;
- skizzieren: Intensitätsverteilung mit und ohne Welcher-Weg-Markierung.
Quellen (Abruf 2026-11-02).
- Quanten-Doppelspalt: https://www.physik.gym-wst.de/docs/d13/13quantenobjekte/04doppelspaltexperiment/docs.md
- Unbestimmtheit: https://www.physik.gym-wst.de/docs/d13/13quantenobjekte/13unbestimmtheit/docs.md
- Wellenfunktion: https://www.physik.gym-wst.de/docs/d13/13quantenobjekte/14wellenfunktion/docs.md
- Kerncurriculum Physik Niedersachsen 2022: https://cuvo.nibis.de/
- Abbildungen: Unterrichtsmaterialien der Schulwebsite (
05_Grafiken/schule/).