Physik · Vorabi

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Bezug zum Kerncurriculum: de-Broglie-Wellenlänge, Beugungsröhre, Graphit, Davisson-Germer

Skript 3 · Materiewellen

Elektronenwellen und Beugung

de-Broglie-Wellenlänge, Elektronenkanone, Beugungsröhre, Graphit, Davisson-Germer

Das können Sie nach diesem Skript

– die de-Broglie-Beziehung begründen und anwenden
– die Elektronenwellenlänge aus der Beschleunigungsspannung herleiten
– die Beugungsröhre von der Elektronenstrahlröhre unterscheiden
– Ringe und ihre Spannungsabhängigkeit deuten

Lernskript zur Vorbereitung auf das Vorabitur am 06.11.2026 · Gymnasium Westerstede, Niedersachsen
Grundlage: Kerncurriculum Physik (Niedersachsen 2022), Unterrichtsmaterialien www.physik.gym-wst.de, Aufgabenpool der Länder (IQB)

Inhalt

1 Die Hypothese

de Broglie 1924: Wenn Licht als Welle und als Teilchen auftritt, dann muss auch ein Elektron eine Welle haben – mit derselben Verknüpfung 𝑝=ℎ/𝜆:

𝜆=ℎ𝑝=ℎ𝑚𝑣

de Broglie übertrug die Symmetrie des Lichts auf die Materie: Wenn Licht je nach Experiment als Welle oder als Teilchen erscheint, dann sollte auch ein Elektron eine Wellenlänge haben. Die Hypothese ist nicht aus der klassischen Mechanik ableitbar; sie wird durch Beugungs- und Interferenzversuche geprüft.

Merksatz

Je größer der Impuls, desto kürzer die Welle. Für makroskopische Körper ist 𝜆 so winzig, dass keine Beugung beobachtbar ist (ein 1-g-Körper bei 1 m/s: 𝜆≈6,6⋅10−31 m).

2 Von der Spannung zur Wellenlänge

Herleitung

Elektronenwellenlänge aus der Beschleunigungsspannung

  1. Energiebilanz in der Elektronenkanone:
𝑒𝑈=12𝑚𝑒𝑣2⇒𝑣=2𝑒𝑈𝑚𝑒
  1. Impuls: 𝑝=𝑚𝑒𝑣=2𝑚𝑒𝑒𝑈.
  2. de Broglie:
𝜆=ℎ2𝑚𝑒𝑒𝑈
  1. Zahlenwert einsetzen (ℎ, 𝑚𝑒, 𝑒):
𝜆=1,226nm𝑈V
  1. Gültig für 𝑈 bis etwa 10 kV; darüber wird der relativistische Impuls messbar größer.
Elektronenbeugungsröhre aus dem Schulmaterial. Quelle: Schulseite .
Abbildung 1: Elektronenbeugungsröhre aus dem Schulmaterial. Quelle: Schulseite.

Aus Ringradius und bekanntem Netzebenenabstand lässt sich umgekehrt 𝜆 bestimmen; die beiden Ringe gehören zu verschiedenen Netzebenenscharen desselben Graphits.

𝑈𝜆 (nicht relativistisch)Kontrolle 1,226/𝑈V
1 kV38,8 pm38,8 pm
4 kV19,4 pm19,4 pm
10 kV12,3 pm12,3 pm

3 Geometrie der Beugungsröhre

An den Netzebenen des Graphits wird gebeugt (Bragg). Der einfallende Strahl trifft unter dem Glanzwinkel 𝜃 auf die Netzebene; der gebeugte Strahl läuft unter 2𝜃 zur Einfallsrichtung weiter. Auf dem Schirm im Abstand 𝑎 liegt der Ringradius 𝑟, also gilt tan(2𝜃)=𝑟/𝑎. Für kleine Winkel ist tan(2𝜃)≈sin(2𝜃)≈2𝜃, damit 2𝜃≈𝑟/𝑎 und

sin(𝜃)≈𝜃≈𝑟2𝑎und2𝑑sin(𝜃)=𝑛𝜆

Setzt man sin(𝜃) in die Bragg-Bedingung ein, folgt für das Maximum erster Ordnung (𝑛=1)

2𝑑⋅𝑟2𝑎=𝜆⇒𝑟=𝑎𝜆𝑑

Mit 𝜆=ℎ/2𝑚𝑒𝑒𝑈 wird daraus

𝑟2=𝑎2ℎ22𝑚𝑒𝑒𝑑2⋅1𝑈

Das ist die Abituraufgabe in Reinform: 𝑟2 über 1/𝑈 auftragen ergibt eine Gerade, aus deren Steigung 𝑑 folgt.

Achtung – typische Fehlerquelle

𝑑 ist der Netzebenenabstand des Graphits (etwa 0,21 nm), 𝑎 der Abstand Graphit–Schirm. Beide sind Gerätegrößen, keine Messgrößen.

Reflexion am Kristall und Bragg-Bedingung aus dem Schulmaterial. Quelle: Schulseite .
Abbildung 2: Reflexion am Kristall und Bragg-Bedingung aus dem Schulmaterial. Quelle: Schulseite.

Bei festem Winkel wächst der Zusatzweg 2𝑑sin(𝜃) mit dem Netzebenenabstand; genau darauf beruht die Auswertung über die Steigung von 𝑟2 über 1/𝑈.

3.1 Optische Analogie und 𝜆-𝑣-Zusammenhang

Die Ringe am Graphit sind das Analogon zum Beugungsbild von Licht an einem Transmissionsgitter: Die Netzebenen wirken wie die Gitterlinien, der Ringradius entspricht dem Beugungswinkel. Deshalb lassen sich die optischen Begriffe (Gangunterschied, Maximum, Wellenlänge) unverändert auf die Elektronen übertragen.

Aus 𝑒𝑈=12𝑚𝑒𝑣2 folgt 𝑣=2𝑒𝑈/𝑚𝑒 und mit 𝜆=ℎ/(𝑚𝑒𝑣):

𝜆=ℎ2𝑚𝑒𝑒𝑈⇒𝜆∼1𝑣

Setzt man das in 𝑟=𝑎𝜆/𝑑 ein, ergibt sich 𝑟2∼1/𝑈. Die Messung bestätigt also sowohl 𝜆∼1/𝑣 als auch die Bragg-Beziehung.

4 Zwei Röhren, zwei Zwecke

RöhreZweckKennzeichen
ElektronenstrahlröhreAblenkung, „Fernsehröhre“, FeldmessungenAblenkplatten, Leuchtschirm; kein Beugungsbild
ElektronenbeugungsröhreNachweis der MateriewelleGraphitfolie im Strahlweg, Ringe auf dem Schirm

Merksatz

Nur die Beugungsröhre zeigt Interferenz. Die Elektronenstrahlröhre zeigt, dass Elektronen Teilchen mit Ladung sind – sie sagt über die Wellennatur nichts aus.

5 Weitere Belege

VersuchAussage
Davisson-Germer (1927)Elektronen an Nickelkristallen zeigen Maxima unter Winkeln, die zur Bragg-Bedingung passen
EinzelelektronenBei sehr kleiner Intensität treffen einzelne Elektronen punktuell ein; das Interferenzmuster baut sich mit der Zeit auf
Neutronen-, AtominterferenzDie Beziehung 𝜆=ℎ/𝑝 gilt für alle Teilchen

6 Experiment: Elektronenbeugung am Graphit

Experiment

Aufbau. Evakuierte Röhre, Glühkathode, Anode mit Lochblende, Graphitfolie, Leuchtschirm, regelbare Hochspannung.
Durchführung. 𝑈 von 2 kV bis 6 kV erhöhen, Ringdurchmesser auf dem Schirm messen (Radius 𝑟).
Beobachtung. Zwei konzentrische Ringe; beide werden mit steigender Spannung kleiner.
Erklärung. Höhere Spannung → größerer Impuls → kleinere Wellenlänge → kleinere Beugungswinkel.
Auswertung. 𝑟2 gegen 1/𝑈: Gerade mit Steigung 𝑎2ℎ2/(2𝑚𝑒𝑒𝑑2).
Bedeutung. Direkter Nachweis der Materiewelle; liefert ℎ bzw. 𝑑.

Fehler und Sicherheit. Beschleunigungsspannung und Ringradius sind die Messgrößen; der geometrische Aufbau der Röhre wirkt systematisch. Hochspannung nur im geschlossenen Gerät, Röhre nicht öffnen.

7 Aufgaben

Aufgabe 1 AFB II10 P.

Elektronen werden mit 4,0 kV beschleunigt.

  1. Berechnen Sie die Wellenlänge.
  2. Berechnen Sie die Frequenz, die einem Photon gleicher Energie entspricht, und vergleichen Sie.

Lösung

(1) 𝜆=1,226nm4000=0,0194 nm =19,4 pm.

(2) 𝐸=𝑒𝑈=4,0 keV, also 𝑓=𝐸/ℎ=9,7⋅1017 Hz und 𝜆Photon=𝑐/𝑓=0,31 nm. Das Elektron ist mit 19,4 pm etwa 16-mal kürzer. Der Unterschied folgt aus den verschiedenen Energie-Impuls-Beziehungen: 𝐸=𝑝2/(2𝑚𝑒) beim Elektron, 𝐸=𝑝𝑐 beim Photon.

Aufgabe 2 AFB II12 P.

In einer Beugungsröhre (𝑎=0,135 m) wird der innere Ring gemessen (Beispieldaten einer didaktischen Messreihe; die Quelle nennt keine Zahlen):

𝑈 in kV3,04,05,06,0
𝑟 in mm14,212,311,010,0
  1. Zeigen Sie, dass 𝑟2∼1/𝑈 gilt.
  2. Bestimmen Sie 𝑑.

Lösung

(1) 𝑟2 gegen 1/𝑈 ergibt eine Gerade durch den Ursprung (Steigung 𝑀=0,6086 m²V). Das folgt aus der hergeleiteten Beziehung: 𝑟2=𝑎2ℎ22𝑚𝑒𝑒𝑑2⋅1/𝑈.

(2) 𝑑=ℎ𝑎2𝑚𝑒𝑒𝑀=2,1⋅10−10 m, also 𝑑≈0,21 nm – der Literaturwert für Graphit.

Aufgabe 3 AFB III12 P.

Beurteilen Sie, ob die Elektronenbeugung den Welle-Teilchen-Dualismus „beweist“, und vergleichen Sie sie mit dem Photoeffekt.

Lösung

Die Beugung zeigt die Wellennatur: Elektronen erzeugen ein Interferenzmuster mit 𝜆=ℎ/𝑝. Der Photoeffekt zeigt die Teilchennatur des Lichts: Energie wird in Portionen ℎ𝑓 übertragen. Beide Versuche widerlegen nicht die jeweils andere Seite, sondern zeigen, dass dieselbe Größe je nach Experiment als Welle oder als Teilchen beschrieben werden muss. „Beweis“ ist zu stark; die Experimente sind Belege für ein Modell, das beide Aspekte enthält.

8 Typische Fehler

FehlerRichtig
𝜆=ℎ/(𝑚𝑣) mit 𝑣 aus 𝑈 ohne Wurzel𝑣=2𝑒𝑈/𝑚𝑒
Beugungs- und Strahlröhre gleichgesetztnur die Beugungsröhre zeigt Ringe
Ringradius und Ringdurchmesser verwechselt𝑟 ist der Radius; 2𝑟 der Durchmesser
𝑟 gegen 𝑈 auftragen𝑟2 gegen 1/𝑈 ergibt eine Gerade
relativistische Effekte ignorierenüber 10 kV korrigieren oder anmerken

9 Wiederholung

KernFormel
de Broglie𝜆=ℎ/𝑝
Impuls aus Spannung𝑝=2𝑚𝑒𝑒𝑈
Wellenlänge aus Spannung𝜆=1,226nm/𝑈/V
Bragg2𝑑sin(𝜃)=𝑛𝜆
Röhrengeometrie𝑟=𝑎𝜆/𝑑
Auswertung𝑟2 über 1/𝑈, Steigung 𝑎2ℎ2/(2𝑚𝑒𝑒𝑑2)

Verstehen, nicht auswendig: warum höhere Spannung kleinere Ringe ergibt; warum dasselbe Elektron punktförmig auftrifft und trotzdem interferiert; warum die Formel nur bis etwa 10 kV gilt.

Prüfungsrelevanz

Das musst du können:

  • erklären, warum ein Elektron eine Wellenlänge hat und wann Beugung beobachtbar wird;
  • herleiten: 𝜆=ℎ/2𝑚𝑒𝑒𝑈 aus Energie- und Impulsbilanz;
  • berechnen: Wellenlänge aus 𝑈, Ringradius aus 𝜆 und umgekehrt 𝑑 aus 𝑟2-1/𝑈;
  • begründen, warum höhere Spannung kleinere Ringe ergibt;
  • skizzieren: Bragg-Geometrie an zwei Netzebenen.

Quellen (Abruf 2026-11-02).