Skript 3 · Materiewellen
Elektronenwellen und Beugung
de-Broglie-Wellenlänge, Elektronenkanone, Beugungsröhre, Graphit, Davisson-Germer
Das können Sie nach diesem Skript
– die de-Broglie-Beziehung begründen und anwenden
– die Elektronenwellenlänge aus der Beschleunigungsspannung herleiten
– die Beugungsröhre von der Elektronenstrahlröhre unterscheiden
– Ringe und ihre Spannungsabhängigkeit deuten
Grundlage: Kerncurriculum Physik (Niedersachsen 2022), Unterrichtsmaterialien www.physik.gym-wst.de, Aufgabenpool der Länder (IQB)
Inhalt
1 Die Hypothese
de Broglie 1924: Wenn Licht als Welle und als Teilchen auftritt, dann muss auch ein Elektron eine Welle haben – mit derselben Verknüpfung :
de Broglie übertrug die Symmetrie des Lichts auf die Materie: Wenn Licht je nach Experiment als Welle oder als Teilchen erscheint, dann sollte auch ein Elektron eine Wellenlänge haben. Die Hypothese ist nicht aus der klassischen Mechanik ableitbar; sie wird durch Beugungs- und Interferenzversuche geprüft.
Merksatz
Je größer der Impuls, desto kürzer die Welle. Für makroskopische Körper ist so winzig, dass keine Beugung beobachtbar ist (ein 1-g-Körper bei 1 m/s: m).
2 Von der Spannung zur Wellenlänge
Herleitung
Elektronenwellenlänge aus der Beschleunigungsspannung
- Energiebilanz in der Elektronenkanone:
- Impuls: .
- de Broglie:
- Zahlenwert einsetzen (, , ):
- Gültig für bis etwa 10 kV; darüber wird der relativistische Impuls messbar größer.
Aus Ringradius und bekanntem Netzebenenabstand lässt sich umgekehrt bestimmen; die beiden Ringe gehören zu verschiedenen Netzebenenscharen desselben Graphits.
| (nicht relativistisch) | Kontrolle | |
| 1 kV | 38,8 pm | 38,8 pm |
| 4 kV | 19,4 pm | 19,4 pm |
| 10 kV | 12,3 pm | 12,3 pm |
3 Geometrie der Beugungsröhre
An den Netzebenen des Graphits wird gebeugt (Bragg). Der einfallende Strahl trifft unter dem Glanzwinkel auf die Netzebene; der gebeugte Strahl läuft unter zur Einfallsrichtung weiter. Auf dem Schirm im Abstand liegt der Ringradius , also gilt . Für kleine Winkel ist , damit und
Setzt man in die Bragg-Bedingung ein, folgt für das Maximum erster Ordnung ()
Mit wird daraus
Das ist die Abituraufgabe in Reinform: über auftragen ergibt eine Gerade, aus deren Steigung folgt.
Achtung – typische Fehlerquelle
ist der Netzebenenabstand des Graphits (etwa 0,21 nm), der Abstand Graphit–Schirm. Beide sind Gerätegrößen, keine Messgrößen.
Bei festem Winkel wächst der Zusatzweg mit dem Netzebenenabstand; genau darauf beruht die Auswertung über die Steigung von über .
3.1 Optische Analogie und --Zusammenhang
Die Ringe am Graphit sind das Analogon zum Beugungsbild von Licht an einem Transmissionsgitter: Die Netzebenen wirken wie die Gitterlinien, der Ringradius entspricht dem Beugungswinkel. Deshalb lassen sich die optischen Begriffe (Gangunterschied, Maximum, Wellenlänge) unverändert auf die Elektronen übertragen.
Aus folgt und mit :
Setzt man das in ein, ergibt sich . Die Messung bestätigt also sowohl als auch die Bragg-Beziehung.
4 Zwei Röhren, zwei Zwecke
| Röhre | Zweck | Kennzeichen |
| Elektronenstrahlröhre | Ablenkung, „Fernsehröhre“, Feldmessungen | Ablenkplatten, Leuchtschirm; kein Beugungsbild |
| Elektronenbeugungsröhre | Nachweis der Materiewelle | Graphitfolie im Strahlweg, Ringe auf dem Schirm |
Merksatz
Nur die Beugungsröhre zeigt Interferenz. Die Elektronenstrahlröhre zeigt, dass Elektronen Teilchen mit Ladung sind – sie sagt über die Wellennatur nichts aus.
5 Weitere Belege
| Versuch | Aussage |
| Davisson-Germer (1927) | Elektronen an Nickelkristallen zeigen Maxima unter Winkeln, die zur Bragg-Bedingung passen |
| Einzelelektronen | Bei sehr kleiner Intensität treffen einzelne Elektronen punktuell ein; das Interferenzmuster baut sich mit der Zeit auf |
| Neutronen-, Atominterferenz | Die Beziehung gilt für alle Teilchen |
6 Experiment: Elektronenbeugung am Graphit
Experiment
Aufbau. Evakuierte Röhre, Glühkathode, Anode mit Lochblende, Graphitfolie, Leuchtschirm, regelbare Hochspannung.
Durchführung. von 2 kV bis 6 kV erhöhen, Ringdurchmesser auf dem Schirm messen (Radius ).
Beobachtung. Zwei konzentrische Ringe; beide werden mit steigender Spannung kleiner.
Erklärung. Höhere Spannung größerer Impuls kleinere Wellenlänge kleinere Beugungswinkel.
Auswertung. gegen : Gerade mit Steigung .
Bedeutung. Direkter Nachweis der Materiewelle; liefert bzw. .
Fehler und Sicherheit. Beschleunigungsspannung und Ringradius sind die Messgrößen; der geometrische Aufbau der Röhre wirkt systematisch. Hochspannung nur im geschlossenen Gerät, Röhre nicht öffnen.
7 Aufgaben
Aufgabe 1 AFB II10 P.
Elektronen werden mit 4,0 kV beschleunigt.
- Berechnen Sie die Wellenlänge.
- Berechnen Sie die Frequenz, die einem Photon gleicher Energie entspricht, und vergleichen Sie.
Lösung
(1) nm pm.
(2) keV, also Hz und nm. Das Elektron ist mit 19,4 pm etwa 16-mal kürzer. Der Unterschied folgt aus den verschiedenen Energie-Impuls-Beziehungen: beim Elektron, beim Photon.
Aufgabe 2 AFB II12 P.
In einer Beugungsröhre ( m) wird der innere Ring gemessen (Beispieldaten einer didaktischen Messreihe; die Quelle nennt keine Zahlen):
| in kV | 3,0 | 4,0 | 5,0 | 6,0 |
| in mm | 14,2 | 12,3 | 11,0 | 10,0 |
- Zeigen Sie, dass gilt.
- Bestimmen Sie .
Lösung
(1) gegen ergibt eine Gerade durch den Ursprung (Steigung m²V). Das folgt aus der hergeleiteten Beziehung: .
(2) m, also nm – der Literaturwert für Graphit.
Aufgabe 3 AFB III12 P.
Beurteilen Sie, ob die Elektronenbeugung den Welle-Teilchen-Dualismus „beweist“, und vergleichen Sie sie mit dem Photoeffekt.
Lösung
Die Beugung zeigt die Wellennatur: Elektronen erzeugen ein Interferenzmuster mit . Der Photoeffekt zeigt die Teilchennatur des Lichts: Energie wird in Portionen übertragen. Beide Versuche widerlegen nicht die jeweils andere Seite, sondern zeigen, dass dieselbe Größe je nach Experiment als Welle oder als Teilchen beschrieben werden muss. „Beweis“ ist zu stark; die Experimente sind Belege für ein Modell, das beide Aspekte enthält.
8 Typische Fehler
| Fehler | Richtig |
| mit aus ohne Wurzel | |
| Beugungs- und Strahlröhre gleichgesetzt | nur die Beugungsröhre zeigt Ringe |
| Ringradius und Ringdurchmesser verwechselt | ist der Radius; der Durchmesser |
| gegen auftragen | gegen ergibt eine Gerade |
| relativistische Effekte ignorieren | über 10 kV korrigieren oder anmerken |
9 Wiederholung
| Kern | Formel |
| de Broglie | |
| Impuls aus Spannung | |
| Wellenlänge aus Spannung | |
| Bragg | |
| Röhrengeometrie | |
| Auswertung | über , Steigung |
Verstehen, nicht auswendig: warum höhere Spannung kleinere Ringe ergibt; warum dasselbe Elektron punktförmig auftrifft und trotzdem interferiert; warum die Formel nur bis etwa 10 kV gilt.
Prüfungsrelevanz
Das musst du können:
- erklären, warum ein Elektron eine Wellenlänge hat und wann Beugung beobachtbar wird;
- herleiten: aus Energie- und Impulsbilanz;
- berechnen: Wellenlänge aus , Ringradius aus und umgekehrt aus -;
- begründen, warum höhere Spannung kleinere Ringe ergibt;
- skizzieren: Bragg-Geometrie an zwei Netzebenen.
Quellen (Abruf 2026-11-02).
- Elektronenwellen/Beugungsröhre: https://www.physik.gym-wst.de/docs/d13/13quantenobjekte/03elektronenwellen/docs.md
- Kerncurriculum Physik Niedersachsen 2022: https://cuvo.nibis.de/
- CODATA 2018 für , , .
- Abbildungen: Unterrichtsmaterialien der Schulwebsite (
05_Grafiken/schule/).